Ich kann nicht malen!

Lustig, ich kann keinen Blinddarm operieren. Da würde ich aber nie von fehlendem Talent sprechen, sondern mir fehlt einfach die Ausbildung dazu.

Beim Malen scheinen wir zu erwarten, dass Talent vom Himmel regnet und manche Menschen davon ausgespart bleiben. Dabei weiß die Wissenschaft, bis zur Meisterschaft in einer Disziplin sind etwa 10.000 Stunden Praxis erforderlich.

Hier lauert bereits der nächste Denkfehler. Warum geht es oft ausschließlich ums Können oder Nichtkönnen (und es deshalb erst gar nicht zu versuchen)? Und was bedeutet das schon, „etwas zu können“? Ein dehnbarer Begriff. Die Frage ist doch erst einmal, habe ich Lust dazu? Möchte ich es ausprobieren? Die Freude am Tun verleitet dann vielleicht im nächsten Schritt zum Dazulernen.

Warum nicht einfach Spaß haben mit Stiften und Farben? Noch nie habe ich gehört „Ich will nicht malen!“. Dafür leider zu oft mit Bedauern „Ich kann das einfach nicht…“. Meistens sagen das Menschen, die noch nie oder irgendwann vor langer Zeit in der Schule gemalt haben. Und denen es von dummen Menschen ausgetrieben wurde. Zu mir sagte damals meine Erzieherin: „So malt man keine Vögel!“ Peng. Und ich dachte nur „Du doofe Kuh, das hat mir mein Opa aber so gezeigt.“ Habe ich leider nicht laut gesagt.

In meinen Kursen sitzen Menschen, die noch nie ein Porträt gemalt haben. Aber sie können einen Stift aufs Papier setzen und Linien zeichnen. Kopf, Augen, Nase, Mund = Porträt! Wer das sein soll? Spielt keine Rolle, es hat Spaß gemacht! Das finde ich toll. Ein paar machen dann weiter und steigen tiefer in das Thema ein. Sie üben, wollen sich verbessern. Das ist auch ein Weg und die Entwicklung bleibt nicht aus, wenn man dranbleibt. Wichtig ist mir aber in jedem Fall, dass es Freude macht. Dafür müssen wir uns mit niemandem vergleichen, denn das erleben wir in uns drin.